
Systemische Erlebnispädagogik
Kreativ-rituelle Prozessgestaltung in Theorie und Praxis
ISBN 978-3-937 210-96-4
Dem Raum auf der Spur- Faszination eines Mysteriums Theater Natur
Sich dem Thema Raum in all’ seinen Dimensionen zu nähern, ohne dabei voranzustellen, dass es einem ähnlichem Abenteuer gleichen mag die Jungfräulichkeit Marias’ erklären zu wollen, erscheint mir unumgänglich. Welche Worte wählt man für ein Mysterium, das weder sichtbar noch greifbar ist? Wie könnte man Beschreibungen finden für ein scheinbares Nichts und dabei noch deutlich machen, dass es um wesentlich mehr geht, als um die Eingrenzung einer messbaren Fläche mit sichtbaren Abgrenzungen? Was kennzeichnet ein Erleben von Raum im Leben, im Theater, in der Natur, in der Erlebnispädagogik? Wie kann ich dieses Erleben beeinflussen, welche Verantwortung obliegt mir im Umgang mit ihm, wo liegt die Herausforderung ihn zu gestalten, wo kann ich ihn geben, wo nehmen, wo meiden, wo gilt es auch ihn auszuhalten?
Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen steht sicherlich in einem lebenslangen, sich ständig verändernden Prozeß. So sehe ich mich mit großer Ehrfurcht vor dieser Herausforderung Überzeugungen und Erfahrungen aus meiner Praxis als Bühnentänzer darzulegen und sie auf die Arbeit in Naturräume auszudehnen. Es würde mich dennoch nicht sonderlich Wunder tragen, sollten am Ende dieser Gedanken mehr Fragen als Antworten „im Raum“ stehen.
Raum als gestaltbares „Nichts“
Die Auseinandersetzung mit dem Thema gehört im Beruf eines Tänzers und Choreographen zum Alltag. Wie ein Schriftsteller in Worte gefaßte Gedanken mit einem Stift zu Papier bringt, beschreibt er mit seinem Werkzeug, dem menschlichen Körper, den Raum. Man könnte auch sagen, er ist Gestalter von Raum und Zeit, ein Körpermaler, auf jeden Fall der Nacktheit des „Nichts“ insbesondere dadurch ausgeliefert, da er, neben seinem Werkzeug, ohne jegliches zusätzliches Hilfsmittel auskommen muß. Er zeichnet mit seinen Extremitäten Gedanken und Gefühle auf die unsichtbare Leinwand des Raumes und kreiert so eine Welt, die im Augenblick der Bewegung einen Zauber verbreitet, der von jedem einzelnen Betrachter visuell zwar gleich wahrgenommen, dennoch aber unterschiedlich empfunden werden kann.
Auch könnte man ihn als Gestalter einer nur im Moment existierenden, sich stets wandelnden Form bezeichnen, die für die Dauer einer zugewiesenen Zeit „Leere“ sichtbar werden läßt. Im besten Falle ist diese stetige Wandlung von einer ihr innewohnenden Seele durchdrungen und erreicht so unterschiedliche Dimensionen von Spürbarkeit, die je nach „Auge“ des Betrachters eine andere Gestalt anzunehmen vermag.
Bewußtheit der Bewegung als schöpferisches Mittel
An dieser Stelle drängt sich mir die Frage auf, wann ein „bewegter Raum“ diesen Zauber spürbar sein läßt und aufgrund welcher Eigenschaften ein und dieselbe Bewegung eben nicht nur Bewegung bleibt, sondern zu einer erlebbaren Magie mutiert. Was beeinflußt die Qualität nichtmateriell gestalteter Räume, ausgeführt von unterschiedlichen Menschen, an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Motivationen? Wo könnte eine erklärbare Verschiedenheit darin liegen, wenn sich „Herr Müller“ am Kopf kratzt im Gegensatz zu einem Tänzer, der dieselbe Bewegung ausführt? Ein kleines Beispiel aus der Bewegungssprache hilft hier vielleicht weiter.
„Herr Müller“ wird ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen auf das Gefühl des Juckens reagieren, seine Hand an die betroffene Stelle führen und sich kratzen. Dies könnte in einem zeitlichen Rahmen von 1–2 Sekunden stattfinden. Und ganz ehrlich, denn was um Himmels Willen sollte er auch anders machen?
Was aber macht jetzt der Tänzer? Sprechen wir von einer festgelegten Choreographie, wird er jeder einzelnen Bewegung eine dafür notwendige Präsenz in seinem Bewußtsein einräumen oder bei einer Improvisation auf die Impulse seiner Körperintelligenz vertrauen. Das könnte folgendermaßen aussehen:
Ausgehend von den Fingerspitzen, die sich langsam verlängern, folgt er der Bewegung seiner Hand, der Arm schwebt als logische Konsequenz in den Raum, er spürt seine Energie gegen die Schwerkraft arbeiten, sein Blick folgt der Handlung. Er spürt das Gewicht seines Armes über seinem Kopf, langsam senkt sich die Hand, die Fingerspitzen berühren den Haaransatz, das Gewicht der Hand legt sich sanft auf die Kopfhaut. Durch das Beugen und Strecken der Handwurzelknochen krümmen sich die Finger und durch den notwendigen Druck erzeugt er die gewünschte Wirkung. Je nach dem, was er erzählen will, in welcher Geschichte er steckt, wird sich die Richtung seines Blickes, der Ausdruck seiner Augen, seine gesamte Mimik sowie die gesamte Körperspannung darauf abstimmen. Mit der gleichen bewußten Wahrnehmung jeglichen Details wird er den Arm zurückführen, bis er sich wieder an der Seite des Körpers anschmiegt. Der Zuschauer ist hier eingeladen neue Konstellationen zu entdecken, was sieht er? Den Tanz oder den Tänzer? Den kleinen Finger oder die Beziehung des Körpers im Raum?
Diese kleine Choreographie, wie schon gesagt, abhängig vom jeweiligen Kontext, kann eine Spanne von verschiedenartigster Emotionen hervorrufen, die von Lachsalven bis hin von zu Tränen gerührten Zuschauern reichen kann. Und dabei basieren beide auf einer physisch identisch ausgeführten Bewegung aus mit einer Wirkung, wie sie konträrer im Erleben des Betrachters nicht sein könnte.
Der gestaltete Raum
Anhand diesen kleinen Beispiels möchte ich darstellen, daß eine im Raum vorherrschende Energie mittels einer geschärften Wahrnehmungsfähigkeit durch ein sensibles bewußt machen kreiert werden kann. Man könnte auch sagen, dass Raum in Verbindung mit bewußter Handlung atmosphärisch formbar ist und Gestalt anzunehmen vermag. Die Folgerung, mit der ich den Bogen zur Erlebnispädagogik schlagen möchte, liegt in der Dimension von Erfahrung, die sich überwiegend über die Intensität unseres Bewußtseins erschließt. Diesen Unterschied zwischen einem (physischen) sichtbaren und einem (emotionalen) spürbarem Raum erleben zu können, erfordert ein sich Einlassen auf die vielschichtigen Qualitäten von Räumen, die sich größtenteils in nicht faßbarem oder wissenschaftlich erklärbarem Ausmaß bewegen.
Gerne beginne ich wieder mit einem Vergleich zum Theater, da mir die Arbeit mit Menschen, und dies besonders in der Natur, insofern damit sehr verwandt scheint und sie ähnliche, feinstoffliche Vorgänge beinhaltet und ermöglicht. Das Bewußtsein über einen mich umgebenden Raum eröffnet mir vielfältige Möglichkeiten, wie ich mich darin verhalte, wie ich ihn nütze und welchen Platz ich mir selbst, anderen Menschen oder Gegenständen darin einräume. Somit ist Raum nicht nur tote Materie, sondern wird zum schöpferischen Gegenstand, berührbar, verändert sich ständig durch aktives Einwirken oder einfach nur durch Gedanken oder Wahrnehmung.
Manchmal machen diese Dimensionen diesen gewissen Zauber spürbar, der sich entfaltet und wie ein unsichtbares Fließen zwischen Menschen und Gegenständen besondere Momente ermöglicht, die kognitiv unerreichbar scheinen, meist jedoch nachhaltige Erfahrungen garantieren. Selten jedoch wird danach jemand von seinem positivem Raumgefühl berichten. Vielmehr wird er von seinen Gefühlen sprechen und davon, tief in seinem Innersten berührt zu sein.
…“So wie die Erde von der Atmosphäre umgeben ist, ist ein lebender Mensch von einer magnetischen Aura umgeben, die die Objekte der Außenwelt berührt, ohne daß eine direkte Berührung zwischen dem menschlichem Körper und dem Objekt stattfindet. Diese Aura oder Atmosphäre ist unterschiedlich stark bei jedem Menschen, sie entspricht seiner Lebenskraft…Der Schauspieler muß sich vor allem anderen dieser immerwährenden Berührung mit den Dingen bewußt sein. Es gibt keine isolierende Schicht zwischen ihm und der Außenwelt. Jeder Mensch verursacht durch seine Bewegungen in dem ihn umgebenden Raum Wellen, wie ein Fisch, der im Wasser schwimmt.“[1]
Auch wenn Jean-Lois Barrault diese Eigenschaften im Wesen nach von Schauspielern abverlangt, möchte ich behaupten, daß in jeglicher Art von Umgang mit Menschen die Wahrnehmung auf besagte Wellen als Kerneigenschaft durchaus von Vorteil sein kann.
Installation eines Gruppenraumes
So wie also ein Tänzer dem Raum durch seine Präsenz eine besondere Qualität verleiht, bedarf es auch in Gruppensituationen jeglicher Art eine individuell maßgeschneiderte Raumqualität, worin ich den Leiter dafür als Tänzer sehe, der für die Gestaltung desselben verantwortlich zeichnet. Der Leiter, der metaphorisch gesehen durch die Seelenlandschaften seiner Teilnehmer tanzt, um zu erkennen, mit wem er es da zu tun hat, ist hier auf einsamer Flur sehr gefordert. Jeder will seinen Platz im Boot, jeder will gesehen werden, jeder kommt mit einer anderen Geschichte etc. Anders ausgedrückt teilt sich zu Beginn einer Arbeit der große Raum in individuelle emotionale Höhlen auf, Grenzen werden abgesteckt und jeder sucht darin sein persönliches Zuhause, das im Konstrukt des Ganzen adäquat seinem individuellem Bedürfnis entspricht. Der Gruppenraum setzt sich also im ersten Schritt, wenn man so will, aus den Räumen im Raum, den Mikrokosmen der Teilnehmer zusammen. Diese Mikrokosmen wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen, ohne daß das Individuum verloren geht, macht die Qualität eines Gruppenraumes aus, der im Prozeß auch stetiger Wandlung unterliegt.
Naturraum und Grenzen
Ist diese Raumqualität also installiert, bietet er die Basis, um Menschen auf einer energetischen Spielfläche emotionale Sicherheit für Entwicklung zu gewährleisten. Neben dem Erspüren der Individuen und der Gruppe spielen zudem äußere Faktoren wie Örtlichkeit, Licht, Klima und Jahreszeit eine wichtige Rolle, die einzubeziehen, gerade in Naturräumen, oft der Herausforderung des Moments obliegt.
Was sich also bisher überwiegend auf geschlossene Räume bezog, nimmt im Genre der Erlebnispädagogik eine neue Dimension ein. Wo beginnt hier der Raum, wo endet er? Und wie auf der Bühne geht es auch hier nicht nur um Raum als bloße „Materie“ den wir mit unserer Physis einnehmen, sondern vor allem um einen inneren Raum, der sich in Verbindung mit einem äußeren Rahmen bestimmten Erlebnissen erschließt. Bei sensibler Installation funktioniert der von der Natur vorinstallierte Raum als metaphorisches Erfahrungsfeld, das nur durch individuelle Betrachtungsweise erfahren werden kann und jedem eine andere Geschichte erzählt.
Die Mystik eines Naturraumes dürfte sich wohl am einfachsten dort erspüren lassen, wo Berge natürliche Grenzen schaffen und wo der Mensch nur zu bestimmten Jahreszeiten überlebungsfähig ist. Das erste Alpforum, ein erlebnispädagogisches Treffen mit Spezialisten zum Thema, gewährte im Sommer 2006 einen Einblick in unzählige Sagen und Mythen, die sich um diese Region seit Jahrhunderten spinnen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wurde über das Leben des Senners und den magischen Ort der Alp philosophiert. Und wer hatte noch nicht das Gefühl, das ein eben mal so auftauchender Wind mehr ist als nur ein Lufthauch, oder dass Geräusche während der Nacht das Gefühl der Anwesenheit nichtstofflicher Gäste vermitteln? Mit diesen Qualitäten von Räumen in Kontakt zu kommen dürfte durchaus eine gewisse Kraft für verschlossene Türen einer Seele haben, gesetzt dem Fall, der Raum im Raum wird aufgemacht.
Praktischer Raum
Die Einschränkung einzelner Räume in der Natur hat aber auch rein praktischen Charakter. So macht es durchaus Sinn aufgrund der fehlenden Infrastruktur der Zivilisation, adäquate Räume zu schaffen. Der praktische, wie auch ästhetische Hintergrund, z.B. die Küche vom Seminarraum zu trennen, erfordert somit immer ein zweites Feuer, um den jeweiligen Ort zu definieren und von den anderen Räumen des „Hauses“ klar abzugrenzen. Respektvoller Umgang mit Gepflogenheiten dieser Art wird in der kreativ rituellen Prozessgestaltung als Basis der Arbeitsphilosophie vermittelt.
Gleicher Hand finden wir in der Natur innerhalb ihrer natürlichen Grenzen auch bestehende Schutzräume vor. Eine von Bäumen umgebene, freie Fläche, fühlt sich plötzlich durch die ums Feuer sitzenden Menschen an wie ein Kreis, immer schon da, es gilt ihn eben nur zu entdecken und neu zu definieren. Durch die Wahl der geometrischen Form des Kreises aus Menschen um das Feuer herum wirken die den Platz umgebenden Bäume beinahe so, als wären sie tatsächlich im Kreis gewachsen. Die Wahl des Platzes wirkt also auch mitbestimmend über das ästhetische Erleben.
Dieser wertschätzende Umgang ist in der Tanzpädagogik auch einer der ersten Schritte in einem Arbeitsprozess. Dem Probenraum oder einer Bühne eine adäquate Bewegung gegenüber zubringen sehe ich als raumgestalterisches Mittel, der den Unterschied vom Spielplatz zum Theater entdecken läßt.
Der gute Platz
Bewegt man sich innerhalb der vier Erlebnisfelder der kreativ rituellen Prozeßgestaltung, wird sich immer wieder die Frage für die Wahl eines guten Platzes stellen.
Bei Einzelarbeiten scheint mir oft so, dass der Platz mich findet, anstatt umgekehrt, wobei die Kraft der Intuition dabei bestimmt auch ihr einiges dazu tut. Sei es der Sonnenstrahl, der durch das Geäst der Bäume genau mich findet, der Abgrund, der nach einer bestimmten Anzahl von Schritten auf wartet oder das undurchdringbare Dickicht, dem ich mich plötzlich ausgesetzt sehe, sind nur ein kleiner Teil meiner persönlichen Erfahrungen, die in mir etwas bewegten, ohne auch nur einen Gedanken daran verschwendet zu haben.
In den Kreativtechniken wiederum, werde ich durch die Platzierung meiner in der Natur vorgefunden Gegenstände zum Choreographen des Orts, den ich dafür ausgewählt habe. Diesen Platz klar von der Umgebung abzugrenzen, ist also nicht nur ein astethisches Anliegen, ihn also von nicht dazugehörendem zu säubern, sondern auch ein gestalterisches Mittel. Erst diese der Arbeit entgegengebrachte Wertschätzung gibt den Gegenständen (Symbolen) einen guten Platz, wo sie zum Wirken kommen können. Diese individuelle Ästhetik obliegt natürlich dem Auge des Betrachters. Vergleichbar wäre dies wiederum mit der Bühnenarbeit, bei der jedem für den Zuschauer sichtbare Gegenstand eine Bedeutung zugesprochen wird.
Folglich hat die Wahl eines „guten Platzes“ durchaus eine gewisse Kraft und sollte nicht abhängig sein vom persönlichen Befinden, sondern von einem bestimmten Ziel. Hans Peter Hufenus hat hierfür zauberhafte Worte gefunden. „In dem Moment, wo es nach Sonnencreme richt, verlassen wir die Arbeitskultur der kreativ rituellen Prozessgestaltung“.
Energetischer Raum
Blättert man im psychologischen Wörterbuch „Dorsch“[2], wird Raum als „das Medium zwischen Grenzen, das Lebewesen Bewegung ermöglicht“, gesehen. Raum wird also hier nur als leere Fläche definiert, die es zu bespielen gilt. Wagt man sich jedoch einen Schritt weiter, gerät man auf die Metaebene nichterklärbarer Erlebnisse.
Laut Peter Brook wird ein Raum schon allein durch zur Bühne, wenn eine einzelne Person einen Raum durchquert und dabei jemand zusieht. Wie läßt sich rational erklären, daß sich bei systemischen Aufstellungsarbeit bei Auftauchen eines neuen Stellvertreters das spirituelle Raumgefüge derart verändert, daß Menschen plötzlich unerklärliche emotionale Schwankungen erleben, daß sie fähig sind, Gefühle von nicht anwesenden Menschen, ja sogar von Toten zu übernehmen? Hier braucht es wohl den Glauben und das Vertrauen an ein vorhandenes System, an eine Kraft zwischen den Dingen, an etwas, das Größer ist als wir selbst. Dennoch nehmen diese Erlebnisse erst dann Platz ein, wenn ein und derselbe Raum allein mittels Verschiebung der Bewußtseinsebene anders geschätzt, wahrgenommen und damit gestaltet wird.
Die unsichtbare Kraft des Raums
Die
Arbeit in der kreativ rituellen Prozeßgestaltung ist voll von Möglichkeiten,
sich mit dieser Fülle von Raumdimension auseinanderzusetzen. Als ein Beispiel
möchte ich auf eine abgeleiteten Form des Mythenspiels Bezug nehmen, der
sogenannten parts party, das ich im fünften Modul der krpg erfahren konnte.
Verbunden mit einem persönlichen Thema nannte die Protagonistin in einem Waldsetting acht positive wie negative Eigenschaften von sich und lud passend dazu symbolisch berühmte Chorypäenaus der Mythologie, der Bühne und vom Film ein. Es tauchten Figuren auf wie James Dean, Penelope und Maria Callas. Vertrauend auf die Kraft des „ES“ agierten die einzelnen Berühmtheiten in Verkörperung von Darstellern aus der Gruppe, die in einfachsten Kostümen auf der als Bühne definierten Lichtung verkörpert wurden. Die Protagonistin beobachtete auf einem Regiestuhl das Geschehen, ließ an für sie essentiellen Punkten auf ihren Impuls hin die Darsteller einfrieren und fragte Einzelne nach ihrem momentanen Befinden. Durch das Bewegen der Darsteller auf der Bühne entstanden ständig neue Raumkonstellationen, war deutlich wahrzunehmen, wieviel Nähe einzelne Paarungen vertrugen oder nicht vertrugen, sich abstießen oder anzogen und wie sich im Laufe des Spiels diese Räume veränderten, bis zum Schluß jeder seinen Platz im Ganzen gefunden hatte. Eine von der Leitung ohne das Wissen der Protagonistin eingeladener Überraschungsgast, ein gewisser „Eros“, wirkte sehr verloren in dem Ganzen. Beinahe magnetisch abstoßend wirkte er auf einige der Darsteller, bis auch er zum Schluß in einer ganz bestimmten Konstellation seinen Platz im Ganzen fand. Ohne Absprache blieb er auf der Bühne zurück, während sich der Rest der Darsteller bereits wieder „entrollte“. Die Leitung lud die Protagonistin dazu ein, sich diesen Gast mal näher anzuschauen, was in einer langen Umarmung endete. Als der Rest der Gruppe sich singend im Kreis um die Beiden formierte wirkte diese Begegnung von Außen wie ein Moment aus einer Anderwelt, eine Vereinigung von Realem und Mystischem, wie ein Hineinschlüpfen des Eros in die Seele der Protagonistin.
Ähnlich einer Familienaufstellung schienen ungesehene Kräfte über die Darsteller zu agieren. Der Überraschungsgast wirkte als Hinzunahme eines verlorenen Teils der Protagonistin wie ein neu eröffneter Raum, der durch sein Erscheinen erst sichtbar werden konnte. Das Spannungsfeld zwischen allen Teilen, die unterschiedlichen Konstellationen während der party, gewährte der Protagonistin neue Sichtweisen und Informationen, in welch unterschiedlicher Weise die verschiedenen Anteile ihrer selbst wirken konnten.
Raumgefühl
Ein weiterer Aspekt von Raumgedanken liegt sicherlich in der Qualität des Erlebens von Räumen. Die Dichte eines Außenraums in einer überfüllten Fußgängerzone hat bestimmt eine andere Qualität, als auf einer einsamen Tour durch die Natur, wo man nach zwei Wochen auf das erste menschliche Wesen trifft. Das Ankommen an einem leeren, einsamen Strand bekommt eine andere Dimension, wenn sich dort bereits auch nur ein Mensch aufhält. Das Erleben von Raum ist somit nicht nur abhängig von persönlicher Empfindung, sondern immer auch von dem Kontext, in dem eine Begegnung stattfindet. Je mehr Menschen sich also weniger Raum teilen, desto mehr verändert sich das eigene Anspruchsdenken in Bezug auf qualitative und quantitative Raumgestaltung mit. Nicht nur das gesamtes Verhalten wird davon abhängen, sondern auch das emotionale und spirituelle Erleben des persönlichen Raumes. Die Art und Weise, wie ich mich in einem Raum bewege, einem Raum begegne und ihn erlebe hat somit großen Einfluß auf die Qualität der Erfahrung, die damit einhergeht.
Gerade wenn Menschen intensiv mit sich selbst beschäftigt sind und innere Prozesse in Bewegung geraten, spielt das Verhältnis von Nähe und Distanz eine wesentliche Rolle. Das Bedürfnis nach Nähe oder Distanz wiederum kann zum Beispiel als Spiegel der eingenommenen, räumlichen Entfernung zum anderen gesehen werden, was sich bereits auf der Suche nach einem Nachtlager bemerkbar macht. In welcher Entfernung zu welchem Menschen wähle ich welchen Platz? Wie verändert sich dieses Gefühl bei einem tobendem Sturm, der den einen oder anderen unter seiner Plane verjagt? Was hat die Wahl des Platzes mit einem persönlichen Gefühl für Schutz zu tun? Wo liegt die Balance zwischen individuell estetischer Vorliebe und ausreichend Schutz?
Erste Erfahrungen mit diesem Metier durfte ich im Sommer 2005 als Teilnehmer von Krpg 10, im zweiten Ausbildungsmodulmodul der kreativ rituellen Prozeßgestaltung, erleben. Die zu erwartende Intensität, die durch das das Thema „Biographie“ bereits vorgegeben war, wurde tatkräftig unterstützt von den Launen der Natur, die bereits in der ersten Nacht mit einem Gewitter aufwartete, das unerfahrene Outdoorübernachter wie mich durchaus in Situationen jenseits der Komfortzone beförderte. Der von mir gewählte Platz an der Sonne, erhaben, stolz freiliegend und ungeschützt auf der Spitze einer Düne, führte mich nicht nur zu einer neue Sichtweise bezüglich der Wahl eines Raumes im Outdoor, sondern auch im Hinblick auf das Verhältnis von Raum und Schutz.
Raum geben
Besonders in lebenden Räumlichkeiten, wie im Outdoor, verlangt die Konfrontation mit der Leibhaftigkeit der Natur eine flexible sowie lebendige Gesinnung der Leitung. Entgegen Schema „F“ fordert sie, entsprechend der jeweiligen Situation agieren zu können, um den im Moment Exististentem „Raum geben“ zu können.
Im Fluß eines jeden Prozesses kann es keine vorgefertigten Rezepte oder Konzepte geben. Es bedarf eines mit Erfahrungen gefüllten Rucksackes, aus dem man situationsabhängig und intuitiv richtige Werkzeuge nehmen kann. Das Vertrauen auf das System führt automatisch auf den Weg, der die Lösung in sich selbst verbirgt und von der Leitung zwar installiert, dann jedoch nur begleitet wird. In ihm verbirgt sich der Zauber des Moments, eine unerwartete Faszination für im Prozeß auftauchender, im Vorfeld nicht sichtbarer Wegkreuzungen, die oft wie aus dem Nichts ans Licht treten und als Belohnung für das eingegangene Risiko erscheinen.
Eine Liebeserklärung
Astrid Habiba Kreszmeier hat in ihrem Essay in e & l[3] über die Sprache derselben eine Liebeserklärung abgegeben. Mir gefällt diese Idee sich einem Abstraktum hinzugeben, und so möchte ich dies, ohne zu zögern, ebenfalls dem Raum gegenüber tun.
Ihm verdanke ich all die vielen, bereichernden, bewegenden und erfahrungsreichen Momente meines Lebens. Ich möchte mir jedes Mal auf Neue vor Augen halten, welche Schönheit ich ihm abgewinnen konnte, wie er unzählige Momente meines Lebens mit seiner Anmut und Vielfältigkeit füllt, und wie er mich immer wieder mit Staunen und Demut in ihm sein läßt.
So möchte ich auch viele der unbeantworteten Fragen offen lassen und sie gerne als mögliches Erfahrungsfeld für den Leser in den Raum stellen.
Josef Eder
[1] The Theatre of Jean-Lois Barrault 1961
[2] Dorsch, „psychologisches Wörterbuch“, Huber, Bern, 2003
[3] Erleben und Lernen e&l / 14. Jahrgang / Februar 2006 / ISBN 0942-4857